Medienanalyse zum Wahlkampf (Stand: Juli 2021): Baerbocks Überschriften sind extrem negativ konnotiert

Hier werden die Online-Medien während des Bundestagswahlkampf 2021 mit Blick auf das Rennen ums Kanzleramt analytisch begleitet.

Für die Spitzenkandidierenden von CDU/CSU, SPD und Die Grünen zur Bundestagswahl finden sich im Laufe des hier regelmäßig aktualisierten Artikels folgende Inhalte:

  • Sichtbarkeit in den Artikel-Überschriften (wer wird wie oft erwähnt?)
  • die wichtigsten Themen bei Kandidierenden laut Medien (nur „Lebenslauf“ oder auch politische Inhalte?)
  • der Sentiment-Score zur Bestimmung der Stimmung in Überschriften (positiv, negativ oder neutral)

Stand der Auswertung und letzte Aktualisierung: 03.07.2021

Wir beginnen mit der allgemeinen Sichtbarkeit der Kandidierenden untereinander in Überschriften betrachteter Nachrichten (für Infos zu den Quellen zum Ende des Beitrags scrollen): Wie oft werden die Kandidierenden (solo) in Überschriften namentlich erwähnt und wie sieht die Verteilung der Erwähnungen pro Monat aus?

Anteilige Sichtbarkeit der drei Kandidierenden in Online-Überschriften betrachteter Medien:

Im April war Armin Laschet enorm präsent in Überschriften: Im Vergleich zu den Erwähnungen von Baerbock und Scholz liegt der prozentuale Anteil an Laschet-Meldungen bei 68%. Annalena Baerbock erhält im Mai (38%) und insbesondere Juni (fast 50%) einen deutlich höheren Anteil. Olaf Scholz ist im April, Mai und Juni der am wenigsten gesehene Name.

Baerbock war zuletzt deutlich präsenter in den Überschriften, allerdings nicht zu ihrem Vorteil: Die Themen zuletzt: nachgemeldete Nebeneinkünfte, beschönigte Angaben in ihrem Lebenslauf und (Ende Juni) die Plagiatsvorwürfe weisen einen extrem negativen Ton in der Berichterstattung um Baerbock aus, wie der durchschnittliche Sentiment Score* der drei Kandidierenden zeigt:

*der Sentiment Score gibt auf einer Skala von -1 bis +1 an, ob der vorliegende Text (hier die Überschrift) eher positiv, neutral oder negativ konnotiert ist. Der Mittelwert der Scores pro Monat und Kandidat*in zeigt in seiner Entwicklung einen Trend auf, der hier visualisiert wird (bei Fragen dazu meldet euch gern bei mir)

Der Ton, der in den Meldungen mit Annalena Baerbock vorherrscht, wird insbesondere im Vergleich zu den halbwegs konstanten Werten bei Laschet und Scholz deutlich negativ (Stand 30.06.2021). Das liegt an den Themen, die insbesondere im Juni bei Baerbock aufkommen.

Top 5 Begriffe in Überschriften im Juni zu den Kandidierenden

Es folgen die Begriffe, die im betrachteten Monat am häufigsten in Überschriften mit den Kandidierenden zu finden waren. Farblich hervorgehoben sind die deutlich negativ oder positiv gewerteten Meldungen mit den Begriffen.

Annalena Baerbock: Top 5 Begriffe in Nachrichten-Überschriften im Juni 2021

Häufig gesehene Begriffe in Überschriften mit Baerbock im Juni und ihre Anzahl an Vorkommen

Beeindruckend ist Ende Juni die Anzahl der Meldungen mit „Plagiatsvorwürfen“, die es in nur wenigen Tagen zu den Top 5 Begriffen in Überschriften mit Baerbock für den kompletten Monat Juni geschafft hat (das Thema „Lebenslauf“ gehört darüber hinaus zu den Top-Themen medialer Berichterstattung mit Blick auf Baerbock). Im Mai war der Begriff „Nebeneinkünfte“ auf Platz 3 der Top-Begriffe für Baerbock.

Armin Laschet: Top 5 Begriffe in Nachrichten-Überschriften im Juni 2021

Für Armin Laschet sieht es mit Blick auf die Top-5-Begriffe nach Vorkommen in Überschriften für Juni wie folgt aus:

Häufig gesehene Begriffe in Überschriften mit Laschet im Juni und ihre Anzahl an Vorkommen

Die Vorstellung des Wahlprogramms und die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sind im Juni sehr präsent und deutlich positiv konnotiert.

Olaf Scholz: Top 5 Begriffe in Nachrichten-Überschriften im Juni 2021

Aktuelle Umfrage (Juni 2021): Wen würden Sie direkt als Kanzler*in wählen:

Quelle: ARD DeutschlandTREND im Juni

Die Umfragen zur Direktwahl zeigen einhellig: Annalena Baerbock hat deutlich verloren. Mit 12 Prozentpunkten ist ein enormer Verlust im Vergleich zu Mai zu verzeichnen. Laschet und Scholz profitieren entsprechend.

Kausaler Zusammenhang zwischen Sentiment und Umfragewerten?

Ob hier eine Kausalität vorliegt ist schwer zu sagen. Ich halte einen Zusammenhang zwischen negativer Berichterstattung und im folgenden sinkende Umfragewerte allerdings für plausibel. Ein allgemeiner negativer Effekt nach dem Hype ist sicher normal, aber der zeitliche Zusammenhang mit dem Wechsel im Ton der Berichterstattung sehr markant.

Ähnliches war bei Martin Schulz 2017 zu beobachten, wo nach drei Monaten Höhenflug der Sinkflug einsetzte, ein Monat nach einer deutlich sichtbaren Verschlechterung des „Tons“, also des Sentiment-Scores und der Themen in den Nachrichten in Verbindung mi Schulz.

Verantwortung der Medien?

Die Frage, die sich aus dieser Analyse ergeben sollte: Welche Verantwortung haben die Medienmacher in diesem Zusammenhang? Ist es zu viel Hype und zu viel Negatives? Wäre eine etwas weniger ausladende Berichterstattung insgesamt sinnvoll? Wäre sie machbar?

Insgesamt eher unwahrscheinlich, es geht schließlich im Klicks, um Leser und deren Interessen bzw. Clickstreams.

Medienvertreter werden zudem entgegnen, die Kandidaten selbst machten die Überschriften durch ihr Handeln und (Fehl-)verhalten. Das stimmt bis zu einem gewissen Grad auch, es werden aber aus vielen Kleinigkeiten Skandale gemacht und lang wie Kaugummi gezogen, sofern es noch klickwert genug ist. Dafür sorgen wiederum eben jene Überschriften, die hier analysiert werden.

Schmutzige Wäsche? Wahlkampf-Methoden mit US-Vorbild?

Der Vorwurf Sigmar Gabriels während des Wahlkampfs 2017 mit Martin Schulz hallt noch in den Ohren: „Gabriel warnt vor Wahlkampf à la USA“. Das war 2017. Die Füllmenge an schmutziger Wäsche, die im Laufe des Wahljahres und insbesondere nach Bekanntgabe einer Kanzlerkandidatur sich anhäuft, ist offenkundig gewaltig. Das zeigen auch die letzten beiden Monate für Annalena Baerbock nochmal eindrucksvoll. Welchen Einfluss die Gegenseite ausübt und was bei Medien hausgemacht ist, kann ich nicht einschätzen. Ich kann mir aber den Lobby-ähnlichen Einfluss Partei finanzierter Treiber auf die Themenfindung der Redaktionen gut vorstellen. Keine schöne Vorstellung …

Wenn wir bei der Verantwortung der Medien bleiben: Es ist richtig, wenn die Vergangenheit der Kandidierenden für hohe politische Ämter auf Ungereimtheiten geprüft wird. Einen erschlichenen Doktortitel erst zwei Jahre nach der Wahl aufzudecken, wäre für alle Seiten unschön.

Wenn es aber ausufert, also aus kleineren Ungereimtheiten wochenlang Schlagzeilen gebildet werden, muss man die Grenzen des noch erforderlichen hinterfragen. Das gilt für Baerbock, Laschet und Scholz gleichermaßen. Es wird zu oft übertrieben und die Stimme der Vernunft, die es ja auch durchaus gibt in der Medienlandschaft, erhält nicht die Aufmerksamkeit, die sie aus meiner Sicht verdient.

Auch Inhalte – immer wieder höre ich seitens der Kandidat*innen es gehe um Inhalte – gehen in der Masse der Artikel um Nebenschauplätze schlichtweg unter! Davon wünsche ich mir deutlich mehr – also auch quantitativ.

Dieser Beitrag wird regelmäßig mit frischen Daten aktualisiert.

Welche Quelle leistet bei der Datenbasis welchen Anteil?

Datenbasis und Infos zur Auswertung: Als Basis dienen Überschriften der veröffentlichten Online-Artikel seit 2017 folgender Quellen: bild.de, spiegel.de, stern.de, faz.net, sueddeutsche.de, focus.de, n-tv.de und zeit.de. Welt.de kam im Februar 2018 als neue Quelle hinzu.  – damit sind hier laut der Dezember IVW-Auswertung nach meedia.de 65% der Inland-Marktanteile für Nachrichtenangebote abgedeckt. Es wurde hierbei nicht nach Politik-Ressorts gefiltert. Es sind nicht ausnahmslos alle Artikel erfasst.

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